Es ist einer der frustrierendsten Momente im Homegrow. Das Substrat ist feucht, der Topf schwer, und die Blätter … hängen. Der Instinkt sagt: „Zu wenig Wasser.“ In Foren liest man: „Mehr gießen.“ Doch statt sich zu erholen, sieht die Pflanze mit jedem gut gemeinten Eingriff schlechter aus. Dieser Text erklärt, warum feuchte Erde nicht bedeutet, dass die Pflanze trinkt, und warum in modernen Setups oft gerade ein Zuviel an Wasser leise den Ertrag zerstört.
Die Illusion, in die fast jeder tappt
Anfänger betrachten die Oberfläche des Topfes wie ein Gesundheitsbarometer. Trocken – gießen. Nass – nicht gießen. Das Problem ist nur: Die Pflanze trinkt nicht von oben. Sie trinkt über die Wurzeln, genauer gesagt über feine Wurzelhaare in einer Zone, in der Wasser immer zusammen mit Sauerstoff vorhanden sein muss.
Fehlt dieses Gleichgewicht, entsteht ein Paradox: Wasser ist reichlich da, aber die Pflanze verhält sich, als würde sie verdursten. Genau das ist die größte Illusion für Einsteiger – und der Beginn einer Kette falscher Entscheidungen.
Wasser ohne Sauerstoff ist kein Vorteil, sondern ein Problem
Eine Wurzel ist kein Rohr. Sie ist ein lebendes Organ, das atmet. Bleibt das Substrat dauerhaft nass, füllen sich die Poren mit Wasser und der Sauerstoff verschwindet. In diesem Zustand hören die Wurzeln nicht nur auf, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen – sie beginnen zu ersticken. Der Stoffwechsel verlangsamt sich, feine Wurzelhaare sterben ab, und die Pflanze verliert die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was du ihr gibst.
An diesem Punkt folgt Fehler Nummer zwei: Der Grower sieht keine Besserung und erhöht die Düngermenge, nach dem Motto: „Wenn Wasser da ist, muss sie wohl Hunger haben.“ In Wirklichkeit ist die Pflanze blockiert – sie trinkt nicht, sie frisst nicht, sie atmet nicht.
Transpiration – der vergessene Motor des Grows
Um zu verstehen, warum eine Pflanze nicht trinkt, muss man über den Topf hinausblicken und die Blätter betrachten. Wasseraufnahme beginnt nicht in der Wurzel, sondern im Blatt – genauer gesagt im Prozess der Transpiration, also der Verdunstung von Wasser in die Luft.
Ist die Luft zu feucht oder zu kühl, verlangsamt sich dieser Prozess. Die Pflanze „zieht“ kein Wasser aus den Wurzeln, weil sie es nirgendwo abgeben kann. Es ist, als würdest du durch einen Strohhalm trinken wollen, während jemand das andere Ende zuhält.
Deshalb kommt es in modernen Grows so oft vor, dass auf dem Papier alles stimmt: pH-Wert passt, Dünger passt, Wasser passt – und trotzdem stagniert die Pflanze.
LEDs und die stille Sabotage beim Gießen
Frühere Beleuchtungssysteme haben die Luft stark aufgeheizt. Moderne LED-Lampen liefern viel Licht, halten die Raumtemperatur aber niedriger. Der Nebeneffekt: Das Substrat trocknet deutlich langsamer, und Grower, die an alte Rhythmen gewöhnt sind, gießen zu häufig.
Dazu kommt eine weitere Falle. Unter LEDs kann sich das Blatt stark erwärmen, während die umgebende Luft kühl und feucht bleibt. Die Transpiration stockt, die Wurzeln stehen im nassen Medium, und die Pflanze rutscht in eine physiologische Blockade. Nicht, weil du ihr etwas genommen hast – sondern weil du ihr zu viel gegeben hast.
Wenn Welken nicht Durst bedeutet
Das ist mental schwer zu akzeptieren, aber absolut entscheidend: Welken durch Überwässerung sieht dem Welken durch Wassermangel sehr ähnlich. Der Unterschied zeigt sich in der Reaktion.
Eine durstige Pflanze reagiert schnell. Nach dem Gießen richten sich die Blätter innerhalb weniger Stunden auf. Eine übergossene Pflanze reagiert gegenteilig: Nach weiterem Gießen wird es schlimmer. Die Blätter fühlen sich schwer an, das Wachstum stoppt. Bleibt die Verbesserung nach dem Gießen aus, ist Wasser fast nie das, was fehlt.
Der Topf ist wichtiger, als du denkst
Ein Plastiktopf hält Feuchtigkeit. Ein Stofftopf atmet. Kleine Volumen werden schnell überschwemmt, große trocknen langsam. Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern die Grundlage des Wassermanagements.
Viele Probleme mit „nicht trinkenden“ Pflanzen lösen sich von selbst, sobald die Wurzeln besseren Zugang zu Sauerstoff bekommen. Manchmal braucht es keine neuen Dünger, sondern einen anderen Topf oder schlicht die Geduld, das Substrat wirklich durchtrocknen zu lassen – nicht nur an der Oberfläche, sondern in der gesamten Wurzelzone.
Warum Dünger dann nicht wirkt
Dünger wirkt nur, wenn die Pflanze trinkt. Steht die Transpiration still und ersticken die Wurzeln, können die Nährstoffverhältnisse perfekt sein – ohne jede Wirkung. Deshalb verschwinden so viele vermeintliche „Mängel“, sobald sich die Umweltbedingungen verbessern.
Weitere Produkte zuzugeben, während die Pflanze nicht trinkt, ist wie jemandem Essen zu servieren, der nicht schlucken kann. Die Absicht ist gut, das Ergebnis das Gegenteil.
Die schwerste Entscheidung: nichts tun
Für Anfänger klingt das fast wie Ketzerei, aber manchmal ist die beste Entscheidung, die Gießkanne stehen zu lassen und der Pflanze Zeit zu geben. Dem Substrat erlauben, Wasser abzugeben, den Wurzeln Sauerstoff verschaffen, den Blättern ermöglichen, wieder normal zu arbeiten.
Erfahrung lehrt eines sehr deutlich: Pflanzen sterben häufiger an zu viel Fürsorge als an kurzfristigem Mangel. Und eine Pflanze, die „nicht trinkt“, ruft fast immer nach Luft – nicht nach mehr Wasser.
Wenn du aus diesem Artikel nur einen Satz mitnimmst, dann diesen: Feuchte Erde bedeutet nicht, dass die Pflanze trinkt. Wasseraufnahme beginnt im Blatt, hängt von der Luft ab und endet in Wurzeln, die atmen müssen. Dieses Verständnis spart Wochen an Frust, Geld für unnötige Zusätze und – am wichtigsten – die Gesundheit deiner Pflanzen.







