Vor fünf oder sechs Jahren sind die meisten Grower von 600W HPS auf die ersten vernünftigen 480–600W LED-Panels umgestiegen – und waren begeistert. Heute sieht der Markt komplett anders aus. Hersteller überbieten sich mit 800W-, 1000W- oder sogar 1200W-Modellen „für 1 m²“. Auf den Produktseiten stehen beeindruckende Zahlen: 3,0 µmol/J, 2800 µmol/s PPF, Commercial Grade, Maximum Yield Technology.
Und irgendwann taucht die Frage auf:
Wenn ich 2026 keine 1000W pro Quadratmeter fahre – kann ich dann überhaupt noch Top-Erträge erzielen?
Lass uns das Marketing beiseitelegen und anschauen, was im Growroom wirklich zählt.
Woher kommt überhaupt die Zahl „1000W pro m²“?
Diese Zahl ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen:
- LEDs sind deutlich effizienter geworden (2,7–3,2 µmol/J bei Top-Modellen).
- Grower messen heute PPFD statt nur Watt.
- CO₂-Anreicherung wird häufiger genutzt.
- Marketing setzt zunehmend auf „mehr Leistung = mehr Ertrag“.
Früher lieferte eine 600W HPS auf 1 m² etwa 900–1100 µmol/m²/s im Zentrum und deutlich weniger an den Rändern. Moderne 1000W-LEDs schaffen 1200–1500 µmol/m²/s relativ gleichmäßig über die gesamte Fläche.
Klingt nach einem klaren Upgrade – aber die Pflanze hat biologische Grenzen.
Wie viel Licht kann die Pflanze tatsächlich verwerten?
Hier kommen zwei zentrale Begriffe ins Spiel: PPFD und DLI.
PPFD (Photosynthetic Photon Flux Density) beschreibt, wie viele Mikromol Photonen pro Sekunde auf einen Quadratmeter treffen.
DLI (Daily Light Integral) gibt an, wie viel Licht die Pflanze pro Tag insgesamt erhält.
Für Indoor-Grows ohne zusätzliches CO₂ gilt:
- 700–900 µmol/m²/s → sehr guter Bereich
- 900–1000 µmol/m²/s → obere Effizienzgrenze
- über 1000 µmol/m²/s → häufig abnehmender Nutzen
Mit CO₂ (1200–1500 ppm):
- 1000–1200 µmol/m²/s → optimal
- 1200–1400 µmol/m²/s → sinnvoll bei perfektem Klima
- 1500+ → Extrembereich, nur mit absolut sauberem Setup
Der entscheidende Punkt: Ohne CO₂ und perfekt eingestelltes VPD bringt 1000W auf 1 m² oft keinen proportionalen Mehrertrag im Verhältnis zum Stromverbrauch.
Mehr Licht = mehr Ertrag?
Ja – aber nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Die Reaktion der Pflanze auf Licht ist nicht linear. Anfangs führt mehr Licht zu starkem Zuwachs. Dann flacht die Kurve ab. Irgendwann stößt du an ein Limit, weil:
- CO₂ zum begrenzenden Faktor wird,
- die Blattoberflächentemperatur zu hoch ist,
- das Wurzelsystem den Nährstofftransport nicht mehr schafft,
- die Photosynthese-Enzyme bereits am Maximum arbeiten.
Ab diesem Punkt produziert mehr Watt eher Stress als Mehrertrag.
Praxisbeispiele – 1 m² im Vergleich
600W LED
Eine hochwertige 600W-LED (2,7–3,0 µmol/J) liefert stabile 800–1000 µmol/m²/s.
Ohne CO₂ ist das vollkommen ausreichend.
Mit gutem Setup sind realistisch 500–700 g Trockenblüten pro 1 m² möglich – abhängig von Genetik und Erfahrung.
Für rund 80 % der Homegrower ist das der Sweet Spot.
800W LED
Hier bewegst du dich im Bereich von 1000–1200 µmol/m²/s.
Ohne CO₂ ist das bereits grenzwertig.
Mit CO₂ und sehr guter Klimasteuerung kann es sinnvoll sein.
Der Ertrag steigt eventuell um 5–15 %, der Stromverbrauch aber um etwa 30 % im Vergleich zu 600W.
Die Frage ist: Rechnet sich das?
1000W LED
Jetzt sprechen wir von 1200–1500 µmol/m²/s.
Ohne CO₂ meist Overkill.
Mit CO₂, Klimaanlage, perfekt eingestelltem VPD und stabiler Nährstoffversorgung – ja, hier kann man ans Limit gehen.
Aber das ist schon halbkommerzielles Niveau.
Fehler werden teuer: verbrannte Tops, Foxtailing, Lichtstress.
Overlighting – das unterschätzte Problem
Zu viel Licht kann:
- Transpiration auf Stressniveau erhöhen,
- scheinbare Mangelerscheinungen auslösen (Lockout-Symptome),
- Terpene schneller abbauen,
- die Harzqualität bei zu hohen Blütentemperaturen verschlechtern.
Manche Grower berichten sogar von besserem Aroma bei 850–950 µmol/m²/s im Vergleich zu 1300.
Mehr Licht bedeutet nicht automatisch bessere Qualität.
Der entscheidende Faktor: Klima, nicht Watt
Du kannst eine 1000W-LED besitzen.
Wenn jedoch:
- dein VPD instabil ist,
- die Luftzirkulation unzureichend ist,
- die Blattoberfläche über 30°C liegt,
- die Wurzelzone bei 18°C hängt,
dann wird ein sauber eingestellter 600W-Grow besser performen als ein chaotischer 1000W-Setup.
Licht ist der Motor. Aber ohne Kühlung und sauberes System überhitzt er.
Energieeffizienz – die nüchterne Rechnung
Rechnen wir grob:
1000W × 12 Stunden × 30 Tage = 360 kWh pro Monat in der Blüte.
Bei 0,30 EUR/kWh sind das 108 EUR nur für die Lampe.
600W unter denselben Bedingungen = etwa 65 EUR.
Differenz: 43 EUR pro Monat.
Bringt der zusätzliche Ertrag diese Differenz wieder rein? Das ist Mathematik – kein Marketing.
Was macht 2026 wirklich Sinn?
Für die meisten Indoor-Grower ohne CO₂:
Optimal sind 600–800W hochwertige LED pro 1 m².
Zielbereich: 850–1000 µmol/m²/s gleichmäßig verteilt.
1000W ergeben Sinn, wenn:
- du CO₂ nutzt,
- volle Klimakontrolle hast,
- Fertigation beherrschst,
- wirtschaftlich rechnest.
Marketing verkauft Watt.
Erfahrung verkauft Stabilität.
Wenn dein Budget begrenzt ist, investiere lieber in eine effiziente 600–700W-LED mit hoher µmol/J-Leistung als in eine günstige 1000W-Lampe mit aggressivem Werbetext.
Indoor-Growing bedeutet nicht, möglichst viel Licht auf die Pflanze zu werfen.
Es geht darum, wie viel sie sinnvoll verwerten kann.







